Zuerst den Vergleich eingrenzen

Lutheraner, Anglikaner, Reformierte, Baptisten, Pfingstler und konfessionsunabhängige Evangelikale lehren nicht dasselbe über Taufe, Abendmahl, freien Willen, Bischöfe oder Gottesdienst. Jeder hilfreiche Vergleich muss deshalb allgemeine Muster beschreiben und Ausnahmen zulassen.

Die Orthodoxie versteht sich nicht als eine Konfession unter später entstandenen Konfessionen. Sie beansprucht Kontinuität mit der apostolischen Kirche durch Glauben, Gottesdienst, Bischöfe, Konzilien und sakramentale Gemeinschaft. Ein protestantischer Leser muss diesen Anspruch nicht vorab anerkennen, sollte ihn aber verstehen, bevor er orthodoxe Praxis beurteilt.

Schrift und Heilige Tradition

Viele Protestanten bekennen sola Scriptura, definieren es jedoch unterschiedlich. Die Orthodoxie nennt die Bibel inspiriert und maßgeblich und empfängt sie zugleich innerhalb der Heiligen Tradition, der lebendigen Weitergabe des apostolischen Glaubens durch die Kirche. Zur Tradition gehören Schriftkanon, Glaubensbekenntnis, Konzilien, Liturgie, Lehre der Kirchenväter und das beständige Zeugnis der Heiligen.

Das bedeutet nicht, dass jeder alte Brauch unfehlbar ist. Überlieferungen werden an ihrem Platz im Gottesdienst und im dogmatischen Leben der Kirche geprüft. Auch wird die Schrift dadurch nicht zweitrangig: Biblische Sprache erfüllt orthodoxe Gottesdienste, Gebete, Ikonen und Lehre. Strittig ist, ob die Schrift außerhalb der apostolischen Gemeinschaft, die sie erkannt und bewahrt hat, richtig ausgelegt werden kann.

Erlösung, Glaube und Werke

Die Orthodoxie lehrt, dass Erlösung ganz durch Gottes Gnade in Jesus Christus ermöglicht wird. Sie lehnt die Vorstellung ab, Menschen könnten Erlösung durch religiöse Leistungen kaufen. Zugleich hebt Gnade die menschliche Freiheit nicht auf; sie heilt sie und ermöglicht eine wirkliche Antwort in Glauben, Umkehr, Gehorsam und Liebe.

Orthodoxe Autoren beschreiben Erlösung häufig als Heilung, Befreiung vom Tod und Theosis, Teilhabe am göttlichen Leben durch Gnade. Rechtfertigung wird nicht geleugnet, aber nicht von Heiligung und Vereinigung mit Gott getrennt. Glaube und treues Handeln gehören als eine lebendige Beziehung zusammen.

Die Kirche und die Sakramente

Viele protestantische Gemeinschaften beschreiben die Kirche vor allem als unsichtbare Gemeinschaft aller Gläubigen. Auch die Orthodoxie erkennt an, dass Gott allein jedes Herz kennt, besteht aber darauf, dass die Kirche sichtbar in gemeinsamem apostolischem Glauben, bischöflichem Dienst und eucharistischer Gemeinschaft versammelt ist.

Taufe, Myronsalbung, Beichte und Eucharistie sind nicht bloß äußere Zeichen einer inneren Erfahrung. Sie sind Mysterien, durch die Christus wirklich handelt. Orthodoxe Christen empfangen die Eucharistie als Christi Leib und Blut, nicht als bloßes Gedächtnis, und taufen Säuglinge als vollwertige Glieder der Bundesgemeinschaft.

Heilige, Maria, Ikonen und Gottesdienst

Orthodoxe Christen beten allein Gott an und bitten die Heiligen um Fürsprache, weil der Tod die Gemeinschaft des Leibes Christi nicht zerbricht. Maria wird als Gottesgebärerin verehrt, weil dieser Titel bekennt, wer Jesus ist. Ikonen werden als Zeugen der Menschwerdung verehrt, nicht als Götter behandelt.

Orthodoxer Gottesdienst ist liturgisch, leiblich und überliefert, statt jede Woche neu entworfen zu werden. Gesang, Schrift, Weihrauch, Prozessionen, Verneigungen und Kirchenkalender formen die Gläubigen mit der Zeit. Wer aus einem predigtbetonten oder zeitgenössischen Gottesdienst kommt, mag dies ungewohnt finden; wiederholte Teilnahme erklärt gewöhnlich mehr als eine einzelne Debatte.

Quellen und weiterführende Literatur