Der Sündenfall ist wirklich und betrifft alle
Die Orthodoxie lehrt nicht, dass Menschen in eine moralisch neutrale Welt hineingeboren werden, in der Adams Fall keine Wirkung hat. Die ursprüngliche Berufung der Menschheit war Gemeinschaft mit Gott, doch der Ungehorsam öffnete die menschliche Existenz für Entfremdung, Verderbnis, ungeordnetes Verlangen, Leiden und Tod.
Wir treten in einen beschädigten gemeinsamen Lebenszusammenhang ein: sterbliche Körper, zerbrochene Beziehungen, ungerechte Gesellschaften, von anderen Sündern erlernte Gewohnheiten und Mächte, die über jede einzelne Entscheidung hinausgehen. Jeder Mensch bestätigt diesen Zustand bald durch persönliche Sünde und liebt Gott und den Nächsten nicht vollkommen.
Was nicht als persönliche Schuld geerbt wird
Ein Kind hat Adams Tat nicht persönlich begangen. Deshalb unterscheidet die orthodoxe Lehre zwischen der Teilhabe an den Folgen des Falls und persönlicher Schuld für die Entscheidung eines anderen. Das Gericht betrifft die eigene Antwort jedes Menschen, während das ganze Menschengeschlecht eine verwundete Natur und Welt teilt.
Diese Unterscheidung erklärt, warum viele orthodoxe Autoren Ahnensünde bevorzugen. Sie wahrt sowohl den Ernst des Falls als auch die Wahrheit, dass Schuld persönlich ist. Daraus darf kein Schlagwort werden, nach dem jeder westliche Christ eine grobe Form vererbter Schuld lehre; westliche Darstellungen sind vielfältiger, als Gegenüberstellungen im Internet vermuten lassen.
Tod, Verderbnis und sündiges Verlangen
Die orthodoxe Theologie betont häufig, dass Tod und Verderbnis die Menschheit versklaven. Die Todesangst nährt Selbstschutz, Gewalt, Habgier und die verzweifelte Suche nach Leben ohne Gott. Die Leidenschaften werden dann zu verzerrten Gewohnheiten, die die Freiheit von ihrem wahren Ziel wegziehen.
Die menschliche Natur bleibt Gottes gute Schöpfung, und das göttliche Bild ist nicht ausgelöscht. Die Freiheit ist verwundet, bedrängt und durch Gewohnheiten geprägt, aber nicht vernichtet. Deshalb sind sowohl göttliche Gnade als auch eine wirkliche menschliche Antwort im Werk der Heilung wichtig.
Warum werden Säuglinge getauft?
Die Säuglingstaufe setzt nicht die Behauptung voraus, ein Baby habe bewusste Übertretungen begangen oder verdiene Strafe für Adams Tat. Die Taufe vereint das Kind mit Christi Tod und Auferstehung, schenkt die Neugeburt aus Wasser und Geist, gliedert es in die Kirche ein und eröffnet seine Teilhabe am ewigen Leben.
Kinder empfangen die Kommunion, weil das Heil Gemeinschaft und Gabe ist, bevor es verstandesmäßige Erklärung ist. Wenn ihre Freiheit reift, brauchen sie später Unterweisung, Umkehr, Beichte und persönlichen Glauben, ebenso wie Erwachsene weiterleben müssen, was die Taufe schenkt.
Christus nimmt die menschliche Natur an und heilt sie
Der Sohn Gottes wird ganz Mensch ohne Sünde, tritt in die Sterblichkeit ein, trägt menschliches Leiden ans Kreuz und vernichtet den Tod durch den Tod. Heil bedeutet nicht, dass Gott einen unschuldigen Dritten bestraft; es bedeutet, dass der menschgewordene Herr in die Tiefe des menschlichen Zustands eintritt und ihn in seiner Auferstehung erhebt.
In Christus empfängt die Menschheit Vergebung, Befreiung, neues Leben und die Möglichkeit der Theosis. Die Antwort auf die Ahnensünde ist deshalb größer als ein veränderter Rechtsstatus. Sie ist eine wiederhergestellte menschliche Natur, die durch den Heiligen Geist in der Kirche gelebt und in der Auferstehung der Toten vollendet wird.
Quellen und weiterführende Literatur
- Die Sünde und der Fall der Menschheit Orthodoxe Kirche in Amerika
- Die Erlösung und Christi Sieg über den Tod Orthodoxe Kirche in Amerika
- Die Himmelfahrt und die Teilhabe am göttlichen Leben Orthodoxe Kirche in Amerika