Gebet ist zuerst Gegenwart

Orthodoxes Gebet beginnt damit, sich Gott zuzuwenden, wie er wirklich ist, statt ein religiöses Gefühl herzustellen. An manchen Tagen ist die Aufmerksamkeit von Wärme getragen, an anderen fühlt sich das Gebet trocken oder zerstreut an. Die Aufgabe ist, dich ehrlich darzubringen und zurückzukehren, wenn die Gedanken abschweifen.

Wähle eine kurze Zeit und einen Ort. Eine Christusikone, ein kleines Kreuz oder eine ruhige Ecke können helfen, die Aufmerksamkeit zu sammeln; eine perfekte Hauskapelle brauchst du nicht. Schalte Benachrichtigungen stumm, stehe oder sitze je nach Gesundheit und beginne ohne Hast.

Ein behutsamer Anfang mit fünf Minuten

  1. Werde still

    Atme einige Male natürlich und erinnere dich daran, dass du vor Gott stehst.

  2. Beginne im Namen Gottes

    Mache, wenn du möchtest, das Kreuzzeichen und sprich: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

  3. Bete ein von Christus gegebenes Gebet

    Bete das Vaterunser langsam genug, um zu hören, was du sagst.

  4. Lies ein wenig in der Heiligen Schrift

    Wähle einige Verse aus einem Evangelium oder Psalm; zwinge dich nicht zu einem großen täglichen Pensum.

  5. Bitte, danke und kehre zurück

    Nenne deine Bedürfnisse und die anderer, danke und schließe mit einem kurzen Gebet um Barmherzigkeit.

Der Platz des Jesusgebets

Das Jesusgebet – „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“ – kann einige Male aufmerksam gebetet werden. Es vereint das Bekenntnis zu Christus und die Bitte um Barmherzigkeit in einer Zeile. Barmherzigkeit meint hier Gottes liebevolle Heilung, nicht bloß das Entgehen einer Strafe.

Anfänger sollten das Gebet nicht zu einer Atemübung, einer Technik für veränderte Bewusstseinszustände oder einer geistlichen Leistungsprüfung machen. Bete natürlich und schlicht. Methoden, die Atem, Körperhaltung oder intensive Wiederholung verbinden, gehören unter erfahrene geistliche Anleitung.

Morgen, Abend und der Tag dazwischen

Das Morgengebet bringt den kommenden Tag dar; das Abendgebet dankt, blickt ehrlich auf den Tag zurück, bittet um Vergebung und vertraut Gott die Nacht an. Wähle eine Dauer, die du auch müde einhalten kannst. Beständigkeit baut eine wahrhaftige Beziehung auf, weil das Gebet den Alltag und nicht nur Notlagen einschließt.

Nutze zwischen den festen Zeiten kurze Gebete ohne Anspannung: vor der Arbeit, beim Gehen, bei aufkommender Angst oder wenn dir jemand einfällt. Das ersetzt Morgen- und Abendgebet nicht, sondern verbindet sie durch das Gedenken an Gott.

Wann du um Anleitung bitten solltest

Wenn du eine Gemeinde besuchst, zeige dem Priester deine Regel, bevor du sie erweiterst. Er kann ein Gebetbuch, Psalmen, Fürbitten oder ein anderes Tempo vorschlagen. Eine gesegnete Regel ist nicht wertvoll, weil sie beeindruckt, sondern weil sie realistisch, begleitet und auf das Leben eines Menschen abgestimmt ist.

Wenn du einen Tag auslässt, beginne ohne Aufhebens neu. Wenn das Gebet Panik, Zwang oder übermäßige Gewissensängste verstärkt, sprich sowohl mit einer geeigneten psychotherapeutischen Fachperson als auch mit einem weisen Priester. Orthodoxes Gebet soll zu Freiheit, Wahrheit und Liebe führen.

Quellen und weiterführende Literatur